Tee – Zeremonien – Info

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Tee-Zeremonie: Alltagsferne Poesie in der Schale
 

Geschrieben von: August F. Winkler

Tea for two
And two for tea
Me for you
And you for me…

Sie begreifen sich als die wahren, die unverbrüchlichen, ja im besten Sinne unverbesserlichen Liebhaber des Tees: die Teeisten. Für sie gilt, was der gescheite Okakura Kakuzo (1862-1913), der Ober-Teeist, in seinem 1906 im Insel-Verlag erschienen „Buch vom Tee“ gesagt hat: „Der Geschmack des Tees hat seinen verborgenen Reiz, der unwiderstehlich genug ist, um idealisiert zu werden. Er hat nichts von der Arroganz des Weins, der Selbstbewußtheit des Kaffees und auch nicht die zimperliche Unschuld des Kakaos.“ Profaner formuliert: Für den Teeisten ist Tee jederzeit das zaubrische Gebräu, mit dem man den Morgen bewillkommnet und sich noch um Mitternacht tröstet. Und laut einem traditionellen japanischen Sprichwort sind Tee und Zen eins: „Cha-Zen ichi-mi!“

Während der Tee in China, seinem Ur-Land, ein Reich der Poesie bildete, ist er in Japan zu einer Religion des Ästhetizismus erhoben worden, zum sogenannten Teeismus, und die Tee-Zeremonie, auch Teeweg und japanisch Chado oder Sado genannt (Cha heißt Tee, do der Weg), ist ihr liturgischer Ritus. Es gibt verschiedene Schulen, doch der Ablauf folgt einer Grundform, einer auf der Verehrung des Schönen inmitten des nicht immer gloriosen Alltags gegründeten Kults. Nach der etwas kryptisch klingenden Interpretation seiner Anhänger ist der Teeismus die Kunst, Schönheit zu verbergen, auf daß man sie entdecke, und anzudeuten, was man nicht zu enthüllen wagt. Er ist das stolze Geheimnis, über sich selbst still und tief zu lachen und somit der Humor selbst – kurzum: das Lächeln des Weisen. Für sie ist der Chado auch kein Ritual im engeren westlichen Sinn, sondern ein „Lebensweg“ nach vier Prinzipien: Harmonie, Respekt, Reinheit, Ruhe.

Zeremonie

Während der Tee in China, seinem Ur-Land, ein Reich der Poesie bildete, ist er in Japan zu einer Religion des Ästhetizismus erhoben worden, zum sogenannten Teeismus, und die Tee-Zeremonie, auch Teeweg und japanisch Chado oder Sado genannt (Cha heißt Tee, do der Weg), ist ihr liturgischer Ritus. Es gibt verschiedene Schulen, doch der Ablauf folgt einer Grundform, einer auf der Verehrung des Schönen inmitten des nicht immer gloriosen Alltags gegründeten Kults. Nach der etwas kryptisch klingenden Interpretation seiner Anhänger ist der Teeismus die Kunst, Schönheit zu verbergen, auf daß man sie entdecke, und anzudeuten, was man nicht zu enthüllen wagt. Er ist das stolze Geheimnis, über sich selbst still und tief zu lachen und somit der Humor selbst – kurzum: das Lächeln des Weisen. Für sie ist der Chado auch kein Ritual im engeren westlichen Sinn, sondern ein „Lebensweg“ nach vier Prinzipien: Harmonie, Respekt, Reinheit, Ruhe.

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Das Teebuch – für Anfänger, Profis und Freaks
Taufrisch auf dem Markt ist das schlicht als „Teebuch“ betitelte Werk, geschrieben von Rainer Schmidt, dem Teataster, Händler und intimen Kenner, den Lesern der „Feinschmeckerey bestens bekannt als Lieferant hochwertiger Tees. In dem 176seitigen Buch mit den vielen Illustrationen summiert Schmidt seine in Jahrzehnten gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse über Arten, Sorten, Anbau, Erntemethoden, Herstellung und Zubereitung von Tee, einen kleinen Ausflug in die Historie sowie Hinweise auf die Bedeutung der Wasserqualität, die Schlieren in der Tasse und Tipps für das individuelle Mischen von Tees inklusive.
Schmidt geht auf den – die Güte beeinflussenden - Unterschied zwischen Teesaat und Stecklingen ein, er erklärt Spezialitäten wie kunstvoll geflochtene Teeblumen, weißen sowie gelben Tee, Jasmin, Keemun und Pu-Erh-Tee. Er scheut nicht vor Kunstdünger und Spritzmitteln, erläutert die für den Teegenuß wesentlichen Unterschiede der Kannen aus Glas, Porzellan, Steingut und Metall, listet detailliert die diversen Blattgrade auf, berücksichtigt auch aromatisierte Tees und äußert sich hanseatisch zurückhaltend, gleichwohl in der Essenz vernehmlich über Teebeutel. Nützlich ist das Glossar, angenehm die poesiefreie, am Sachlichen orientierte Darstellung der Teewelt zwischen Asien und Afrika.

Das Teebuch, Rainer Schmidt, Verlag Braumüller Wien, 176 Seiten, Euro 24,90.


Klassische Teezeremonien waren im alten Japan reine Männersache, doch Tempi passati: längst bilden sich auch Frauen zur Teemeisterin aus und vollziehen den im 15. und speziell 16. Jahrhundert von japanischen Zen-Mönchen entworfenen Ritus – auch der Adel und die Samurai-Krieger pflegten den Teeweg als innere Sammlung und Kraftquell. Die Rolle des Tees im alten Japan ist genauer überliefert als dessen Ursprünge in China. Es war 792 n. Chr., als der japanische Kaiser seine Höflinge mit einem neuen Getränk überrasche und bezauberte: dem Tee, mitgebracht vom chinesischen Tang-Hof. Buddhistische Mönche begannen mit dem Anbau von Tee, der über Jahrhunderte ein aristokratisches Getränk blieb, bis er, nachdem ein Zen-Lehrer im 12. Jahrhundert Teesamen mitbrachte und kultivierte, auch im Volk zunehmende Verbreitung fand. Ritualisiert wurde das Trinken in den Zen-Klöstern, es unterstützte die Mönche bei der Meditation.

Das Ritual soll alle Sinne ansprechen: Augen, Ohren und Geruchssinn werden durch die schlichte Ästhetik und die Stille gefangen genommen, einziger Schmuck ist ein Rollbild oder ein Ikebana-Gesteck. Zu hören ist nur das Knistern der glühenden Holzkohlen, begleitet vom simmernden Rauschen im Teekessel und dem sanften Flüstern des Wassers, wenn es auf den feinst pulverisierten Tee, einen grünen Matcha bester Klasse, trifft, der mit rasend schnellen Kreiselbewegungen einer dicklichen Bürste aus Bambusfasern aufgeschäumt wird. Allenfalls plätschern leise Worte von unaufgeregter Bedeutung dahin, etwa über die Schönheit des Teehauses, den Blumenschmuck, die vom Teemeister ausgewählte Schriftrolle, die Ästhetik der Schalen.

Der Chado ist eine feierliche Angelegenheit mit festgelegtem Ablauf ohne Zufälligkeiten, bei dem jede Bewegung einer exakt vorgegebenen Choreographie folgt: Regeln, die freilich vergessen werden sollten, sobald man sie verinnerlicht hat. Nichts soll die Konzentration der Sinne stören. Der Teeraum will nichts anderes sein als eine – mit Phantasie zu erfüllende - Stätte des Leerseins, eine vorübergehende Herberge dichterischen Gefühls. Der erste für sich stehende Teeraum war eine Schöpfung Sen-no Soyekis (1522-1591), den man gemeinhin unter seinem Künstlernamen Rikyu kennt, des größten aller Teemeister, der im 16. Jahrhundert unter dem Patronat Taiko Hideyoshis den Grund zu den Formen der Tee-Zeremonie legte und sie zugleich zu hoher Vollendung führte. Der Kenner sieht in der Zeremonie gleichsam die Essenz der über tausendjährigen Zen-Kultur.

Matcha

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So heißt der klassisch in schweren Granitsteinmühlen pulverisierte Grüntee bester Herkunft. Idealerweise werden für den Matcha per Hand nur die zartesten Knospen der ersten Ernte spezieller, für den Gyokuro geeigneter Teesträucher gepflückt, die in der Regel vier Wochen vor der Ernte beschattet werden. Das verleiht ihnen dieses besondere „kühle“ Aroma zwischen süßlich und edelbitter. Feinste Qualität ist Kennern um die 8 000 Dollar und mehr pro Kilo wert – solche Pretiosen sind in Europa rar, in Deutschland kursieren hauptsächlich mittlere bis niedrige, mit Maschinen geerntete Qualitäten aus China, die sich eher für die Küche, den modischen Matcha-Latte und Cocktails eignen denn als angewandten Teegenuß.

Besserer Matcha-Tee, in der Regel in Döschen abgefüllt und nicht in Tüten eingeschweißt, ist kein beliebiger Grüntee und sollte, wie andere hochwertige Grüntees à la Gyokuro und ein Sencha first flush, stets kühl aufbewahrt werden, am besten im Kühlschrank und luftdicht verschlossen.

Die Zubereitung des Tees folgt einem Ritual, in dem sich alle Gesten durch jahrelanges Üben zur fließenden Bewegung formen. Am Anfang stehen Demut und Respekt, symbolisiert durch die notgedrungen gebückte Haltung, in der Gastgeber und Gäste den bewußt niedrig gehaltenen Eingang in den eigentlichen, den heiligen Teeraum von weniger als einem Meter Höhe mehr auf Knien rutschend als schreitend passieren. Von da an existieren keine gesellschaftlichen Unterschiede. Während der zwei bis vierstündigen Zeremonie, unterbrochen durch kontemplative Phasen, bleiben alle Teilnehmer mit untergeschlagenen Beinen auf den Fersen sitzen. Der Gastgeber spült die Schale zunächst mit heißem Wasser aus und wischt sie mit einem Tuch ab. Das deutet rituell auf die Reinigung des Geistes hin, die gemeinsame Schale symbolisiert das Teilen und das Zusammengehören. Nach dem Reinigungsakt gibt der Meister mit einem Bambuslöffel elegant Tee in die Schale und fügt mit der Kelle heißes, nicht mehr kochendes Wasser hinzu.

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Mit dem zuvor in heißem Wasser geschmeidig gemachtem Bambusbesen schlägt der Meister das Teepulver in raschem Rhythmus, bis ein schaumiges, farblich dunkelgrüner Jade gleichendes Getränk von unerhört dichter Aromatik und edelbitterem Umami-Geschmack entsteht. Das reicht der Gastgeber „mit offenem Herzen“ dem ersten Gast, in der Regel ein Ehrengast, der sich mit einer Geste dafür entschuldigen muß, daß er als Erster die Schale entgegen genommen hat. Als Zeichen von Demut und Dank neigt er seinen Oberkörper ein wenig, indem er sich mit den Handflächen auf dem Boden abstützt. Danach erst ergreift er mit seiner Rechten die Schale, dreht sie in der linken Hand zweimal und führt sie mit beiden Händen in gemessener Art zum Mund. Vor dem Genuß des Tees hat der Gast, haben die Gäste auf einem flachen Tablett kunstvoll aufgeschichtete Näschereien namens Wagashi zu sich genommen, beispielsweise süßliche Bällchen aus Reisteig mit Bohnenpaste, die auf spannende Weise mit der Bitternote des Tees harmonieren. Art und Form wechseln mit den Jahreszeiten; extra kann auch etwas Reiswein fließen.

Den letzten, vom Teepulver verdickten Schluck schlürft der Gast geräuschvoll aus der Schale und wischt diese mit der Serviette ab. Danach dreht er die Schale wieder in ihre Ursprungsposition zurück, was als Höflichkeitsgeste zu verstehen ist. Der Gastgeber ergreift sie und rührt darin erneut Tee an, den er formvollendet dem nächsten Gast anbietet. Dieses rituelle Prozedere wiederholt sich millimetergenau. In einer anderen Version wird die Teeschale zunächst von einem Gast zum anderen weiter gegeben, bevor in einer zweiten Runde ein dünnerer Tee gereicht wird. Erstaunlicherweise darf gerade der Gastgeber nichts von seiner eigenen Zubereitung trinken.

Am Schluß der Zeremonie spült der Gastgeber mit dem bereit stehenden Wasser die Teeschale, legt das Tuch in die Tasse, den Besen und den Bambuslöffel obenauf. Die Serviette faltet er über der linken Hand zum Dreieck zusammen und steckt sie auf der rechten Körperseite in den Kimono – oder die europäische Kleidung. Ist der formelle Teil der Teezeremonie beendet, dürfen sich die Gäste entspannen. Sie danken artig für die Einladung, diskutieren über die Ästhetik des Rollbildes, des Blumengestecks oder der Teeschale, worunter es sehr wertvolle alte Stücke gibt. Die materielle Welt außerhalb des Teeraums bleibt unerwähnt, sie ist bedeutungslos, nicht wichtig. Die für alle Zen-Künste gültige Losung lautet: „Der Weg ist das Ziel.“

Und das kennzeichnet das innere Wesen der Zeremonie, bei der ja nicht der Geschmack, sondern der Geist des Tees im Mittelpunkt steht: das Finden des Vollkommenen im Unvollkommenen, das Spüren der Zerbrechlichkeit des Flüchtigen, um letztlich zur Erkenntnis zu gelangen: „Nur wer mit dem Schönen gelebt hat, kann auch schön sterben.“ In diesem Sinne verstehen Japaner den Teeweg auch als schöpferisch inszenierte Kunst, die der Seele huldigt, sie klärt, läutert und Kraft für den Alltag verleiht.

Teekultur kontra Teekult

Es gibt kein größeres Mißverständnis als die Annahme, Tee müsse zelebriert werden. Wenn Queen Elizabeth sich nachmittags den Teewagen ins Arbeitszimmer rollen läßt, der Butler den Darjeeling einem kostbaren, holzintarsierten teacaddy entnimmt und die Milch dem geliebten Kännchen in der Form einer silbernen Kuh, eines Erbstücks seit Generationen, dann ist das Kultur, faxenlos genossen aus feinem Crown-Derby-Porzellan.

Von der leisen Kraft und wärmenden Schönheit einer Tasse Tee zum Tagesbeginn zeugt auch der von Cecil Rhodes nacherzählte Dialog, der sich morgens in einem englischen Landschloß zwischen Diener und Gast entspann: „Good morning Sir, Tee, Kaffee oder Schokolade?“ – „Tee bitte.“ – „Indischen, Ceylon oder chinesischen, Sir?“ – „Indischen bitte.“ – „Mit Zitrone, Rahm oder Milch, Sir?“ – Der Gast, noch verschlafen und leicht unduldsam werdend mit knorriger Stimme: „Milch!“ – Worauf sich der Butler ungerührt nach der Rinderrasse erkundigt: „Jersey, Hereford oder Shorthorn, Sir?“

Diese Zeiten sind passé. Sie waren spleenig, liebenswert und stilvoll bis hinein ins Detail. Das hatte freilich nichts mit jener Gekünsteltheit zu tun, die heute von manchen Intellektuellen sowie Öko-Jüngern rund um den Tee zelebriert wird. Man zitiert Kakuzo Okakura, den Oberguru der japanischen Teephilosophie, für den Teeismus u.a. ein zarter Versuch war, „etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“. Das klingt poetisch, aber ein Westler versteht derartige Weisheit wohl eher nach einer Flasche Schnaps als einer Kanne Tee.

Aus genau diesem Muster ist allerdings der Mythos gestrickt, der das Getränk überholt und aus einer unschuldigen Sinnlichkeit ein Geheimnis macht, eine Religion. Fatal an solchen Ritualen ist ihre abschreckende Wirkung, indem sie das Vorurteil begründen und nähren, Tee sei eine komplizierte Angelegenheit. Also versuchen viele Leute gar nicht erst, den Tee in seiner reichen geschmacklichen Vielfalt zu erforschen und ihn über das durstlöschende Moment hinaus als angewandte Trinkkultur zu begreifen. Selbst Freunde von ansonsten gepflegter Lebensart zeigen beim Tee deutliche Blößen und begnügen sich mit Mittelmaß. Wer das tut, wird nie das Genie eines feinen Tees begreifen.

Die Wahl der Teesorte hängt naturgemäß vom Anlaß ab. Für jede Stimmung läßt sich ein spezieller Tee aufbrühen. Es gibt Frühstücktees und Abendtees. Den einen Tee trinkt man bei der Arbeit, den anderen in der Mußestunde, nach der Liebe oder zur Zigarre. Ein Tee paßt zu Sonnenstunden, der andere zu Kälte oder Regen. Die Kunst, für jede Stimmung den rechten Tee auszusuchen, ist ein Abenteuer, das man Teekultur nennt.